Die Übung verbindet Epikurs Überlegung zum Tod mit Senecas Einüben der Endlichkeit und Mark Aurels Blick auf den natürlichen Wandel des Ganzen.
Todesangst in der Nacht Schritt für Schritt begegnen
Setz dich für fünf Minuten hin und benenne, was genau dich gerade erschreckt.
Nimm Papier oder die Notizfunktion deines Handys und beginne mit: Gerade fürchte ich mich vor ... Vervollständige den Satz so konkret wie möglich, etwa mit dem eigenen letzten Moment, dem Alleinsein danach oder dem Verlust eines bestimmten Menschen. Ein benannter Gedanke ist immer noch schwer, doch er muss weniger im Ungefähren kreisen.
Trenne auf dem Papier den Gedanken von dem, was jetzt tatsächlich geschieht.
Ziehe zwei kurze Spalten. Links steht der befürchtete Gedanke, rechts stehen drei beobachtbare Tatsachen dieses Augenblicks: Du sitzt im Bett, hörst ein Geräusch, atmest, eine Person lebt gerade ihren Abend. Epikurs Gedanke richtet den Blick auf diese Grenze: Der Tod ist keine Erfahrung, die du jetzt durchleben musst.
Sag dir leise einen schlichten Memento-mori-Satz.
Formuliere einen Satz, der weder dramatisch noch beschwichtigend klingt, zum Beispiel: Dieser Tag ist endlich, und ich bin jetzt hier. Sprich ihn einmal langsam aus und lege eine Hand auf Brust oder Bauch. Der Satz soll die Endlichkeit anerkennen und dich in den gegenwärtigen Moment zurückholen.
Atme zwölf ruhige Atemzüge und zähle nur die Ausatmungen.
Zähle beim Ausatmen von eins bis zwölf. Verlierst du den Faden, beginnst du freundlich wieder bei eins. Du musst dabei nichts Besonderes spüren. Es reicht, für diese wenigen Minuten eine Handlung zu haben, zu der du immer wieder zurückkehren kannst.
Schreib eine Sache auf, die heute kein Morgen braucht.
Wähle etwas Kleines und Konkretes: einer Person schreiben, eine Entschuldigung aussprechen, zehn Minuten bei einem Angehörigen sitzen, eine offene Aufgabe beenden. Senecas Erinnerung an die begrenzte Zeit lädt zur Aufmerksamkeit für den heutigen Tag ein. Entscheide nur über den nächsten möglichen Schritt, nicht über dein ganzes Leben.
Schließe die Übung mit einer fürsorglichen Nachtentscheidung ab.
Lege das Papier weg und entscheide, was dir für die nächste halbe Stunde guttut: Wasser trinken, das Fenster öffnen, ein ruhiges Licht anlassen oder jemanden um Nähe bitten. Wenn du weiter wach liegst, wiederhole nur den Atemteil. Die Aufgabe ist nicht, den Tod zu lösen, sondern diese Nacht behutsam weiterzugehen.