Im Hier und Jetzt leben, in kleinen Gesten

Kehre freundlich zu dem zurück, was gerade vor dir liegt.

Du willst im Hier und Jetzt leben, doch dein Kopf verhandelt noch gestern oder plant schon morgen. Das passiert oft mitten in ganz gewöhnlichen Momenten, beim ersten Blick aufs Handy, auf dem Weg zur Arbeit oder am Tisch. Diese Übung gibt deiner Aufmerksamkeit über den Tag hinweg einen konkreten Ort, an den sie zurückkehren kann.

Eine blasse Sonne über sanften grünen Hügeln, in gedämpften Farben.
Etwa 10 Minuten, über den Tag verteilt

Sie verbindet Mark Aurels Rückkehr zur gegenwärtigen Aufgabe mit buddhistischer Atemachtsamkeit und Thoreaus Wunsch, bewusst zu leben.

Im Jetzt leben, vom Morgen bis zum Abend

1

Beginne den Morgen mit drei ruhigen Atemzügen.

Setz dich nach dem Aufstehen für eine Minute an den Bettrand oder stell dich ans Fenster. Spüre beim Einatmen die Luft an der Nase und beim Ausatmen, wie Brust oder Bauch sich senken. Wenn sofort eine Aufgabe auftaucht, musst du sie nicht wegdrücken, benenne sie kurz als Gedanken und kehre zum nächsten Atemzug zurück.

2

Wähle eine Aufgabe, die jetzt wirklich dran ist.

Bevor du Nachrichten öffnest oder mehrere Dinge zugleich anfängst, frage dich: Was verlangt in den nächsten zehn Minuten meine Hände und meinen Verstand? Es kann sein, Kaffee zu machen, eine Mail zu beantworten oder dich anzuziehen. Mark Aurel richtet den Blick auf die jeweilige Pflicht, weil sie greifbar ist, während vieles andere gerade nur im Kopf stattfindet.

3

Mach den ersten Weg des Tages ohne zusätzliche Beschallung.

Lass auf einem kurzen Weg, etwa zur Haltestelle, zum Bäcker oder einmal um den Block, Podcast und Musik aus. Nimm wahr, wie deine Füße den Boden berühren, welche Temperatur in der Luft liegt und welche Geräusche nahe sind. Du brauchst dabei kein besonderes Gefühl zu erzeugen, du übst nur, dort anzukommen, wo dein Körper längst ist.

4

Halte an, wenn du dich in gestern oder morgen verlierst.

Sobald du merkst, dass du eine alte Szene wiederholst oder ein künftiges Gespräch durchspielst, sag innerlich: Vergangenheit oder Planung. Frag dann, ob daraus jetzt eine kleine Handlung folgt. Wenn ja, schreib sie auf oder erledige sie; wenn nein, richte den Blick für fünf Atemzüge auf deine Umgebung.

5

Gib einer Alltagshandlung deine volle Aufmerksamkeit.

Wähle eine Sache, die ohnehin getan werden muss, etwa Geschirr spülen, duschen oder Gemüse schneiden. Bleib für zwei Minuten bei den Bewegungen, Geräuschen und dem Kontakt deiner Hände. Thoreaus Gedanke des bewussten Lebens beginnt nicht erst in der Natur, er kann sich in einer einfachen Tätigkeit zeigen, die du nicht nebenbei erledigst.

6

Iss die ersten fünf Bissen des Abendessens langsam.

Leg das Handy außer Reichweite und setz dich hin, bevor du anfängst. Nimm bei den ersten fünf Bissen Geschmack, Temperatur und Kauen wahr, ohne zugleich den nächsten Programmpunkt zu planen. Danach kannst du essen, wie es für deinen Abend passt; entscheidend ist die kleine Unterbrechung des gewohnten Vorauseilens.

7

Schließe den Tag mit einer einzigen Beobachtung ab.

Bevor du schlafen gehst, notiere einen Satz: Wann war ich heute wirklich bei dem, was ich getan habe? Such keine Bilanz und kein Urteil. Du sammelst Hinweise darauf, welche Situationen deine Aufmerksamkeit tragen und wann sie besonders leicht fortgezogen wird.

Warum Achtsamkeit im Alltag den Kopf entlastet

Ein großer Teil der Unruhe entsteht, wenn Aufmerksamkeit zwischen Erinnerungen, Befürchtungen und offenen Aufgaben hin und her springt. Die Gegenwart ist kein Ort, an dem niemals Gedanken auftauchen. Sie ist der Punkt, an dem du bemerkst, wohin sie gehen, und deine Aufmerksamkeit wieder auf etwas Sinnliches oder eine konkrete Aufgabe lenkst. Dadurch bekommt der Tag kleinere, bewohnbare Abschnitte.

Die Übung folgt keiner Forderung, immer ruhig oder konzentriert zu sein. Ein Atemzug, ein Weg ohne Ablenkung und ein bewusst begonnener Teller Essen sind Rückkehrpunkte. In der buddhistischen Achtsamkeit wird der Atem häufig dafür genutzt, weil er immer verfügbar ist. Bei Mark Aurel findet sich eine ähnliche Nüchternheit: Tu das, was jetzt an dir ist, mit Sorgfalt.

Worte der Weisheit

Beschränke dich auf die Gegenwart. Beunruhige dich nicht wegen der Zukunft, denn du wirst ihr, wenn es sein muss, mit denselben Waffen der Vernunft begegnen, die dich heute gegen die Gegenwart rüsten. Mark Aurel

Im Moment bleiben, wenn der Alltag dich fortzieht

  • Mach die Übung klein genug, dass sie auch an einem vollen Tag möglich bleibt. Eine Minute am Fenster zählt. Wenn du dir gleich eine halbe Stunde Stille vornimmst, wird die Praxis leicht zu einer weiteren unerledigten Aufgabe.
  • Nutze bestehende Übergänge als Erinnerung: nach dem Zähneputzen, beim Warten auf den Wasserkocher oder bevor du eine Tür öffnest. Solche festen Stellen ersparen dir, den ganzen Tag an Achtsamkeit denken zu müssen.
  • Wenn eine wichtige Sorge wiederkehrt, gib ihr einen bestimmten Platz. Schreib sie in einen Notizzettel und entscheide später, wann du dich zehn Minuten darum kümmerst. So musst du den Gedanken nicht bekämpfen, während du gerade etwas anderes tust.
  • Rechne damit, oft abzuschweifen. Der bemerkt Moment ist bereits der Moment, in dem du übst. Sprich innerlich sachlich mit dir, wie du mit jemandem sprechen würdest, der gerade den Faden verloren hat.

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Häufige Fragen zum Leben im Moment

Wie kann ich aufhören, ständig an die Zukunft zu denken?

Zukunftsgedanken haben oft eine praktische Seite. Prüfe kurz, ob es jetzt einen nächsten Schritt gibt, etwa einen Termin buchen, eine Information suchen oder etwas notieren. Gibt es keinen Schritt, kehre für einige Atemzüge zu dem zurück, was du sehen, hören oder gerade tun kannst.

Was mache ich, wenn ich beim Atmen noch mehr grüble?

Dann wähle einen äußeren Anker. Beim Gehen können es die Schritte sein, beim Abwasch das warme Wasser, beim Essen der Geschmack. Achtsamkeit verlangt keine leere Gedankenwelt, sie gibt der Aufmerksamkeit eine einfache Tätigkeit, zu der du wieder zurückfinden kannst.

Muss ich dafür meditieren können?

Nein. Diese Praxis nutzt kurze Momente im Tagesablauf und braucht keine besondere Haltung oder Erfahrung. Setz dich nur dann still hin, wenn es dir hilft; ein bewusster Weg zur Bahn kann ebenso ein Anfang sein.

Ist es falsch, über die Vergangenheit nachzudenken?

Nein, Erinnern kann helfen, Erfahrungen zu verstehen, und Planung gehört zum Leben. Frag dich, ob du gerade gezielt über etwas nachdenkst oder ob dieselbe Schleife dich immer wieder mitzieht. Für gezieltes Nachdenken kannst du dir später Zeit nehmen und dann wieder zur aktuellen Tätigkeit zurückkehren.

Was, wenn ich mich trotz solcher Übungen dauerhaft sehr belastet fühle?

Eine philosophische Übung kann Begleitung im Alltag sein, sie ersetzt keine fachliche Hilfe. Wenn Grübeln, Angst, Niedergeschlagenheit oder Schlafprobleme anhalten, stark werden oder deinen Alltag einschränken, verdienst du Unterstützung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Psychotherapeutin beziehungsweise einen Psychotherapeuten.