Diese Praxis verbindet Viktor Frankls drei Sinnquellen mit Aristoteles’ Idee des gelingenden Lebens und Montaignes Aufmerksamkeit für gewöhnliche Tage.
Sinn im Leben entdecken, eine Woche lang
Nimm dir am ersten Tag zehn ruhige Minuten und benenne, was sich leer anfühlt.
Schreib drei oder vier Sätze auf, ohne die Lage sofort lösen zu wollen. Vielleicht fehlt dir Nähe, eine Aufgabe, die dir wichtig ist, oder Raum für dich selbst. Bleib bei beobachtbaren Dingen aus deinem Alltag, etwa bei einem Arbeitstag, der sich endlos anfühlt, oder bei einem Abend, an dem du nur noch scrollst.
Wähle jeden Morgen eine kleine Handlung, die du geben willst.
Frankl beschreibt Sinn auch in dem, was ein Mensch in die Welt bringt. Das kann eine sorgfältig geschriebene Nachricht, zehn konzentrierte Minuten an einer Aufgabe oder Hilfe für jemanden sein. Wähle etwas, das heute tatsächlich möglich ist, und mach es möglichst konkret: Ich rufe meinen Bruder an, ich bereite das Gespräch gut vor, ich räume die Küche für die Person nach mir auf.
Plane täglich einen Moment, in dem du etwas empfängst.
Reserviere fünf Minuten für etwas, das schon da ist und deine Aufmerksamkeit verdient. Geh ohne Kopfhörer ein Stück nach draussen, hör einem Lied wirklich zu oder sieh beim Kaffee aus dem Fenster. Montaigne erinnert daran, dass ein gutes Leben sich auch in gewöhnlichen Stunden zeigt, die du nicht erst aussergewöhnlich machen musst.
Halte bei einer unveränderbaren Schwierigkeit inne und unterscheide deinen Einfluss.
Nimm ein Blatt und zieh zwei Spalten: Was kann ich heute beeinflussen, was liegt ausserhalb meiner Macht? In die erste Spalte gehört etwa, ob du um Unterstützung bittest oder eine Grenze aussprichst. In die zweite können eine Absage, eine Diagnose in der Familie oder die Vergangenheit gehören. Wähle danach eine Haltung oder Handlung aus deiner ersten Spalte.
Übe an einem Tag eine Tugend in einer kleinen Situation.
Aristoteles verbindet ein gelungenes Leben mit eingeübten Haltungen und Handlungen. Such dir für heute eine Eigenschaft wie Fairness, Besonnenheit oder Mut aus und gib ihr einen Ort. Mut kann heissen, im Meeting eine ehrliche Frage zu stellen. Besonnenheit kann heissen, vor einer gereizten Antwort einmal Wasser zu holen.
Teile an zwei Tagen der Woche Zeit mit einem Menschen ohne Nebenbeschäftigung.
Sinn wächst oft in Beziehung, wenn du wirklich bei jemandem bist. Verabrede einen Spaziergang, koche zusammen oder ruf jemanden an und lege das Handy weg, falls ihr euch seht. Du musst dabei kein tiefes Gespräch erzwingen. Es reicht, aufmerksam nachzufragen und die Antwort stehen zu lassen.
Schliesse jeden Abend mit drei kurzen Notizen ab.
Notiere, was du gegeben hast, was du bewusst empfangen hast und welcher schwierigen Sache du mit einer selbst gewählten Haltung begegnet bist. Ergänze einen Satz dazu, was du morgen wiederholen oder anders versuchen möchtest. Lies am siebten Abend alles einmal durch und achte auf Muster, nicht auf eine endgültige Lebensantwort.