Die Übung verbindet Viktor Frankls Gedanken zum existenziellen Vakuum mit Pascals Beobachtung der Zerstreuung und Simone Weils Verständnis von Aufmerksamkeit, wie sie es in ihren philosophischen Schriften entwickelte.
Mit innerer Leere umgehen, Schritt für Schritt
Halte morgens zwei Minuten ohne Ablenkung inne.
Setz dich nach dem Aufstehen, vor dem ersten Blick aufs Display, an einen ruhigen Ort. Stell beide Füße auf den Boden und frage dich schlicht: Wie ist es gerade in mir? Suche keine kluge Antwort und setze dir kein Ziel für diese Minuten. Bemerke nur, ob da Müdigkeit, Druck, Gleichgültigkeit oder dieses schwer benennbare Ausbleiben von Nähe ist.
Gib dem Zustand einen einfachen Namen.
Schreib einen kurzen Satz auf Papier oder in eine Notiz: Heute fühlt sich vieles weit weg an. Oder: Ich bin da, doch ich spüre mich kaum. Ein Satz genügt. Er soll nichts erklären und nichts bewerten. Wenn du Worte findest, musst du weniger Energie darauf verwenden, vor einem unklaren Gefühl davonzulaufen.
Lass für zehn Minuten eine Ablenkung weg.
Wähle eine gewöhnliche Lücke im Tag, etwa den Weg zur Bahn, die Mittagspause oder die ersten Minuten nach Feierabend. Lass Musik, Podcasts, Scrollen und Nachrichten für diese Zeit aus. Schau aus dem Fenster, geh langsam oder sitz einfach da. Wenn Unruhe auftaucht, registriere sie als Teil des Moments und bleib bei dem, was gerade vor dir ist.
Übernimm eine kleine Aufgabe für einen anderen Menschen.
Entscheide dich bewusst für etwas Konkretes, das heute jemandem hilft. Du kannst einer Kollegin eine Sache abnehmen, einem Nachbarn etwas mitbringen oder einer Freundin eine aufmerksame Nachricht schicken. Wähle eine Aufgabe, die wirklich zu erledigen ist und höchstens zwanzig Minuten braucht. Es geht darum, deine Aufmerksamkeit für einen Augenblick nach außen zu richten, ohne dich unentbehrlich machen zu müssen.
Sei bei dieser Aufgabe mit deiner ganzen Aufmerksamkeit.
Mach währenddessen nur diese eine Sache. Hör zu, lies die Nachricht noch einmal vor dem Abschicken oder erledige den Handgriff sorgfältig. Simone Weil verstand Aufmerksamkeit als eine Form von Großzügigkeit. Im Alltag kann das heißen, einen Menschen nicht nebenbei zu behandeln, auch wenn dein eigener Tag sich gerade farblos anfühlt.
Notiere am Abend drei kurze Berührungen des Tages.
Nimm dir vor dem Schlafen fünf Minuten und notiere drei Momente, die dich kurz erreicht haben. Das kann der Geruch von Regen sein, ein ehrliches Gesicht im Bus oder die Erleichterung nach einer erledigten Aufgabe. Es müssen keine schönen oder großen Erlebnisse sein. Schreib nur auf, was da war, ohne daraus eine Bilanz über dein Leben zu machen.
Wiederhole die Übung an drei gewöhnlichen Tagen.
Mach daraus kein Projekt, das du perfekt erfüllen musst. Such dir drei Tage in einer Woche aus und wiederhole die gleiche Abfolge: wahrnehmen, eine Ablenkung auslassen, eine kleine Aufgabe übernehmen, abends festhalten. Schau nach der Woche auf deine Notizen. Vielleicht erkennst du darin keine Lösung, aber einen genaueren Kontakt zu dem, was dich anspricht und was dich leer zurücklässt.